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WIR SIND EINS!?

von Jana Kerp, 19 Jahre

Die Fotoreportage könnt ihr nachfolgend lesen oder auch dem Link entnehmen:

Wir sind eins_von Jana Kerp

 

1978, 11 Jahre vor dem Mauerfall
Eine Rakete startet ins All, ein Kosmonaut winkt uns zu. „Am 26. August 1978 waren wir auf Weltniveau. Sigmund Jähn, Bürger der Deutschen Demokratischen Republik, flog als erster Deutscher ins All”, erzählt Alexander Kerner (gespielt von Daniel Brühl) in ‘GOOD BYE, LENIN!’. Es ist ein historisches Ereignis und nicht zuletzt wegen der Hochzeit des von Jähn ins All mitgebrachte Sandmännchens, das noch heute ein beliebter Gast in den deutschen Wohnzimmern ist und mit seinen Geschichten Generationen erfreut hat.

1989, das Jahr des Mauerfalls
Alexander Kerner, 21 Jahre alt, arbeitet für ein Fernsehreparatur-Unternehmen und glaubt schon länger nicht mehr an die Ideologie der DDR. Er will Veränderung, will Freiheit. Seine Mutter sagt dazu nur, dass sich „nichts ändert, wenn alle abhauen“. Besonders hoch qualifizierte Arbeitskräfte wie Ärzte gehen in die BRD, weil sie dort mehr verdienen, was in der DDR, aufgrund der kommunistischen Ideologie, dass alle in etwa gleich viel verdienen sollen, um eine klassenlose Gesellschaft zu erreichen, nicht möglich war.

„Am Abend des 7. Oktobers 1989 hatten sich mehrere hundert Menschen zum Abendspaziergang zusammengefunden, um sich im Vorwärtsschreiten für grenzenloses Spazierengehen einzusetzen“, erklärt Alexander Kerner weiter. Und während er „Pressefreiheit!“ ruft und schließlich, genau wie 1200 andere Demonstranten, am Abend des 40-jährigen Bestehens der DDR, verhaften wird, wird eines ganz deutlich: Das System der DDR funktioniert nicht mehr.

Und dann ist es so weit: Die zahlreichen Demonstrationen und Proteste haben Erfolg und machen, auch aufgrund der wirtschaftlichen Angeschlagenheit der DDR, eine Wiedervereinigung möglich, sodass am 9. November 1989 schließlich die Berliner Mauer fällt.

„Die Zukunft lag ungewiss vor uns. Ungewiss und verheißungsvoll“, berichtet Alexander. Das Volk hat Hoffnung und erwartet mehr Lebenszufriedenheit. Nun soll alles besser werden. Doch das wird es erst mal nicht. Die Wirtschaft in der ehemaligen DDR bricht fast zusammen, viele Arbeitsplätze fallen weg. Und auch Alexander Kerner erfährt am eigenen Leibe, wie „Helden der Arbeit arbeitslos wurden“. Jetzt zeigt sich die Kluft zwischen arm und reich – der Osten kann mit dem Westen noch nicht mithalten.

Die Arbeitslosigkeit treibt viele Menschen zur Abwanderung nach Westdeutschland, wo diese einen bis dahin undenkbaren Lebensstandard erreichen können.

1990, das Jahr nach dem Mauerfall
Der Osten will aufholen. Alexander Kerner spricht von einer „zunehmende[n] Verwestlichung unserer 79m² – Plattenbauwohnung“. Doch nicht nur bei der Wohnungseinrichtung passt sich der Osten an, auch das Lebensmittelangebot wird umgestellt. „Es leerten sich die Kaufhallen unseres sozialistischen Vaterlandes.“ Vergeblich sucht der 21-jährige nach Mocca Fix Gold. Die Regale werden stattdessen mit Westprodukten gefüllt. „Über Nacht hatte sich unsere graue Kaufhalle in ein buntes Warenparadies verwandelt“. Riesige Coca – Cola Trucks fahren durch die Straßen Ostberlins, das Kultgetränk ist nun auch hier zuhause.

Ostdeutschland soll aufgebaut werden, durch Verbesserungen in der Infrastruktur und dem Bau von Bürogebäuden. „Es kam der Aufschwung. Im schlagkräftigen Ost – West – Team praktizierte ich frühzeitig die Wiedervereinigung“, erzählt Alexander. Von nun an arbeitet er mit Denis Domaschke zusammen, einem jungen Mann aus dem Westen, in dem er schnell einen neuen Freund findet. Keine Selbstverständlichkeit, denn viele Ostdeutsche fühlen sich von den Westdeutschen zu Bürgern zweiter Klasse deklassiert.

Aber dann kam die WM und „ein kleiner runder Ball [vereinte] die gesellschaftliche Entwicklung der geteilten Nation und ließ zusammenwachsen, was zusammen gehörte“, berichtet Alexander Kerner. „Wir hatten das Gefühl, im Mittelpunkt der Welt zu stehen, dort wo sich endlich was bewegte und wir bewegten uns mit.“

1991, zwei Jahre nach dem Mauerfall
Obwohl Alex Hoffnung hat, sieht man auch zwei Jahre nach dem Mauerfall in der Lebenszufriedenheit der Ostdeutschen noch keine große Verbesserung. Während die Zufriedenheit im Gesundheitsbereich sogar fällt, steigt die Zufriedenheit im Bezug auf das Haushaltseinkommen nur minimal an. Ihren Lebensstandard sehen sie zumindest ein bisschen verbessert, aber deutlich glücklicher sind sie eigentlich nur mit ihren Wohnungsverhältnissen. „Überall versteckt gab es verlassene Wohnungen, in die wir nur einziehen mussten“, berichtet Alexander. Diejenigen, die im Osten geblieben sind, profitieren von den Abwanderungen in den Westen und die Miete ist ohnehin niedriger. Laut einer Umfrage im November 1991 sind zudem 67% der deutschen Bevölkerung der Meinung, dass sich Ost – und Westdeutsche nun besser verstehen.

1992, drei Jahre nach dem Mauerfall
Wieder einmal steht die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit im Raum. Obwohl sich nun alle endlich besser verstehen, sehen 1992 81% der Ostdeutschen den eigenen Anteil an der Wohlstandsverteilung in Deutschland als nicht gerecht an, was auch an der immer noch hohen Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland liegt. Im Westen sieht es da schon anders aus: 65% halten ihren Anteil an der Verteilung des Wohlstands für angemessen, Männer und Frauen sind dabei gleicher Meinung.

1999, zehn Jahre nach dem Mauerfall
Deutschland feiert, die Mauer ist sein zehn Jahren weg. Martina freut sich. Sie ist nicht wie Alexander Kerner in Berlin aufgewachsen und hat den Mauerfall auch nicht live mitbekommen. Sie ist aus dem Westen, aus Hamburg, aber sie hat Verwandte in der ehemaligen DDR. „Ich kann das gar nicht nachvollziehen, dieses Gefühl, das man hat, wenn man auf einmal frei ist. Ich durfte mich ja immer frei bewegen, also reisen, wohin ich wollte. Aber ich weiß noch, wie sehr sich meine Verwandten gefreut haben, als die Mauer weg war und sie raus konnten.“

In ihren Augen ist es schon lange kein Thema mehr, ob jemand aus dem Westen oder aus dem Osten kommt. „Darauf achte ich gar nicht mehr. Es spielt ja auch eigentlich keine Rolle. Wir sind schließlich ein Land.“ Wie Martina sehen es knapp 65% der Deutschen, die davon überzeugt sind, dass das Zusammenwachsen Deutschlands gelingt. Gleichzeitig sehen aber immer noch 63% der Ostdeutschen ihren Anteil an der Wohlstandsverteilung als nicht gerecht an. „Das kann ich nicht beurteilen. Ich persönlich kann mich aber nicht beklagen“, meint Martina dazu und ist damit bei den Westdeutschen auf der Seite der Mehrheit.

In den neuen Bundesländern ist die Arbeitslosigkeit nach wie vor ein großes Problem.
1, 34 Mio. Ostdeutsche sind ohne Arbeit, immerhin 31.200 weniger als im Jahr zuvor. Damit liegt die Arbeitslosenquote bei 17,6%. Um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen wird besonders an der Wettbewerbsfähigkeit der ostdeutschen Wirtschaft gearbeitet.

2009, 20 Jahre nach dem Mauerfall
„Ich bin im Osten aufgewachsen, ja du hörst richtig! Doch das es da ne Mauer gab interessierte mich nicht. Ich war ein stolzer Pionier obwohl eingesperrt wie ein Tier!
[…] Denn ein Ostler Junge war nicht wirklich angesagt im Westen. Ich bekam wegen der Herkunft fast jeden Tag auf die Fresse“, singt Sido in seinem Song ‘Hey du’. Leon, der
16 – jährige Sohn von Martina, findet Sido cool. Ob jemand aus der ehemaligen DDR oder aus dem Westen kommt, ist für ihn egal. „Deutschland lebt doch von seiner Vielfalt. Hier leben Migranten aus allen Teilen der Erde. Wen interessiert es denn da, aus welchem Teil von Deutschland man kommt?“, meint er. Dass man früher dafür verprügelt wurde, wenn man aus dem Osten kam, ist für Leon unvorstellbar. „Ich bin ja schon im wiedervereinten Deutschland geborgen. Die Geschichte vom Mauerbau und vom Mauerfall kenn’ ich ja nur aus Filmen und aus dem Geschichtsunterricht.“ Wie Leon geht es vielen anderen Jugendlichen auch. Die Deklassierung zum Bürger zweiter Klasse findet in dieser Generation kaum statt. „In Leipzig werden Porsche und BMW produziert – ist doch cool.“ So cool wie Leon finden den Osten aber nach wie vor nicht alle. Weiterhin ist die Abwanderungszahl größer als die Einwanderungszahl.

Mittlerweile ist auch die Kluft zwischen arm und reich größer geworden, was sich auch auf die Bewertung der Lebenszufriedenheit auswirkt. Besonderen Groll hegen dabei Ostdeutsche mit geringem Einkommen, 63% von ihnen halten die Wohlstandsverteilung immer noch nicht für gerecht. Sie sind damit deutlich unzufriedener als Westdeutsche aus geringen Einkommensgruppen.

2014, 25 Jahre nach dem Mauerbau
Dieses Jahr wird zum 25. Mal der Fall der Mauer gefeiert – und es stellt sich die Frage, wo wir wohl wären, wenn die Mauer heute noch stehen würde.
Prominente wie Matthias Schweighöfer, Jana Pallaske, Anja Kling, Gerit Kling, Susanne Daubner, Angela Merkel, Nina Hagen, Katharina Witt, Kai Pflaume, Andrea Kiewel, Henry Maske, Jan-Josef Liefers, Katrin Sass, Armin Mueller-Stahl, Inka Bause, Enie van de Meiklokjes oder Corinna Harfouch könnten nicht als UNSERE Stars bezeichnet werden, denn sie alle sind aus der ehemaligen DDR.
Und wer hätte Dschungelkönigin 2014 werden sollen, wenn nicht Melanie Müller mit ihren berühmten Sandmännchen – Schöne Grüße aus dem Osten – Tattoo?

Doch die Mauer ist gefallen – und das ist auch gut so.

Leon hat seit einem Jahr sein Abi. Nun will er studieren. Vielleicht in Leipzig, weil „das Wohnen da nicht so teuer ist wie in Hamburg oder München“, meint er. Tatsächlich zeigt sich seit zwei Jahren, dass wieder mehr Menschen in den Osten einwandern als auswandern. Der Osten holt auf – und das erfolgreich. In Sachen Bildung sind die neuen deutschen Bundesländer weit vorne mit dabei. Im Schulleistungsvergleich überholen sie Bayern in Mathematik und den Naturwissenschaften und 40% der in Ostdeutschland lebenden Migranten haben Abitur.

Die Entwicklung macht einen guten Eindruck, die Aufbaumaßnahmen zeigen ihre Wirkung. Dennoch glauben auch heute noch 24% der dort lebenden Menschen an eine Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Situation, die Arbeitslosenquote beträgt 10,6% und liegt damit höher als in Westdeutschland – Ein möglicher Grund für das unterschiedliche Erwerbsverhalten der Ost – und Westdeutschen: In 40% der ostdeutschen Familien sind beide Elternteile erwerbstätig, während sich 89% der westdeutschen Frauen um den Haushalt und die Kinder kümmern und somit nicht erwerbstätig sind.

Auch wenn Ost – und Westdeutschland noch nicht in allen Punkten eine Einheit symbolisieren, so sind sie doch auch dem besten Weg dorthin. Und spätestens wenn im Juni die WM startet und ein kleiner runder Ball uns wieder alle zusammen wachsen lässt, kann man mit gutem Gefühl sagen: WIR SIND EINS!

 

 

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