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“Wir sind das Volk” – 25 Jahre deutsche Einigung

von Lisa Winter, 18 Jahre

Die Fotoreportage könnt ihr nachfolgend lesen oder auch dem Link entnehmen:

Wir-sind-das-Volk_von Lisa Winter

 

Erst kürzlich stand ich vor der East Side Gallery in Berlin. Originale Mauerstücke aus der Zeit der deutschen Teilung von 1961 bis 1989. Heute sind sie bunt bemalt mit Motiven und Botschaften und versuchen den Touristen das damalige Geschehen etwas näher zu bringen. Was die Mauer für die Menschen wirklich bedeutete, kann ich mir trotzdem nur schwer vorstellen.

Die Mauer – eine Konsequenz des Kalten Krieges. Entstanden aus der unterschiedlichen Besatzungspolitik der Alliierten in Deutschland nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945. So lernte ich es in der Schule, durch Dokumentationen und Bücher.
Uwe R. (geb. 1954) war zur Zeit des Mauerbaus ein kleiner Junge. Für ihn gehörte die deutsche Teilung zur Normalität. „Sicher habe ich registriert, dass Deutschland geteilt war, doch kann ich nicht sagen, dass ich entsetzt war. Ich wurde da quasi rein geboren (…). In der Familie haben wir nicht darüber gesprochen. Erst in der Schule hat man sich damit auseinandergesetzt. Aber auch nicht negativ, sondern sah die Mauer als Schutz vor dem bösen, aggressiven, sich zersetzenden und faulendem Kapitalismus und dessen eklige Fratze“, stellt er rückblickend fest.
Die Sowjetunion begründete den Mauerbau unter anderem als Schutz gegen die Flüchtlingsströme. Die Mauer sollte zum Erhalt der DDR dienen, das Volk vollkommen in das sozialistische System einbinden und sie vor dem „Kriegsherd Westberlin“ schützen.
„Über die Teilung Deutschlands konnte ich nur den Kopf schütteln. Ich empfand das als total unsinnig“, schimpft Hans W. (geb. 1939 in Westdeutschland), „wir hatten Verwandtschaft in der DDR, die ich gern besucht hätte. Allerdings wurde mir dies untersagt, da ich als Bahnpolizist unter dem Verdacht stand verdeckt zu ermitteln.“
Erst durch Willy Brandts neue Ostpolitik und dem Transitabkommen zwischen DDR und BRD 1971 war es möglich, Besuche zwischen Ost und West zu tätigen.
Martina W. (geb. 1961) war zwanzig Jahre alt, als sie die DDR zum ersten Mal besuchte. Noch heute hat sie die Bilder sehr genau vor Augen: „Während wir über die Transitstrecke fuhren, fühlte ich mich dauerhaft unter Beobachtung, da ich wusste, dass überall Kontrollposten waren. Die Straßen waren leer, keine Häuser oder Menschen waren zu sehen. Es wirkte alles sehr bedrückend und grau.“

Uwe R. empfand die Stacheldrahtzäune und Selbstschussanlagen als sehr einschüchternd und erinnert sich betrübt an seine Besuche bei seiner Oma, die genau unterhalb der Grenze (lebte), mit Sichtweite auf den Stacheldraht. (…) Doppelter Stacheldraht mit Minen und Selbstschussanlagen. Das hat mich negativ berührt, weil damit eine gewisse Unfreiheit umher ging.“

Nach einer Zeit der relativen Stabilisierung der DDR im Schatten der Mauer, fand ab den 1970er Jahren ein Wandel statt. Unter der Regierung Erich Honecker trat die DDR 1975 der KSZE Schlussakte von Helsinki bei, welche Menschen- und Bürgerrechte forderte und die Handlungsspielräume für oppositionelle Gruppen öffnete. Dies bereitete den Weg für zahlreiche Proteste und Demonstrationen gegen den DDR-Staat. Die Regierung blieb jedoch unbeeindruckt und lehnte die Reformpolitik Gorbatschows, die eine Öffnung und Demokratisierung bedeuten sollte, vehement ab. Dies hatte eine außenpolitische Isolierung der DDR zur Folge. Durch Gorbatschows Rücknahme der Breschnew-Doktrin wurde die gewaltsame Verfolgung von Systemgegnern eingestellt und es gründeten sich Bürgerinitiativen und neue Parteien.
Zudem litt die DDR unter einer Mangelwirtschaft, wodurch sie auch nach der Einigung Schwierigkeiten hatte, mit der starken Wirtschaft der BRD mitzuhalten. „Die Auswahl an Lebensmitteln war wesentlich kleiner als in Westdeutschland.“, erinnert sich Martina W., „Auch die Auswahl in den Kaufhäusern war nicht besonders attraktiv für uns, da wir aus dem Westen moderne Kleidung gewohnt waren.“

Die zunehmende Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage sowie die Offenlegung von Wahlmanipulationen stürzten die DDR in eine Legitimationskrise und bewegten viele Menschen zur Flucht. „Ich wusste, dass uns in Westdeutschland ein angenehmeres Leben möglich war.“, erklärt Horst B. die Flucht seiner Familie aus dem DDR-Staat. Durch die Öffnung der Grenzen nach Ungarn bekam die Fluchtwelle eine ungeahnte Dynamik, was einen erheblichen Autoritätsverlust von Partei- und Staatsführung zur Folge hatte.

Mit der Montagsdemonstration in Leipzig am 9. Oktober 1989 bekam die friedliche Revolution von 1989 eine neue Dimension und die Forderungen nach Einheit, Freiheit und politischer Partizipation wurden immer lauter. Auch im Westen strebten viele Menschen nach einem einheitlichen Deutschland, doch Martina W. erinnert sich an negative Stimmen. So gibt sie vorsichtig zu, dass ihr Freund Frank gegen die Wiedervereinigung war, da „die DDR lieber ein eigener Staat bleiben soll“. Früher habe sie diese Aussage nie wirklich verstanden, doch schon kurz nach der Wiedervereinigung wurden auch für sie die Schwierigkeiten deutlich „und da dachte ich öfter daran, dass Franks Aussage gar nicht so verkehrt war. Immerhin lag zwischen den Gesellschaften in Ost- und Westdeutschland ein Unterschied, wie Tag und Nacht.“
Uwe R. störte es, dass die Reisefreiheit in der DDR so stark eingeschränkt war, denn er war überzeugt, dass„ keiner (…) in der DDR (lebte), um zu verreisen und nicht wiederzukommen. (…) Außerdem habe ich nie verstanden, warum Andersdenkende verfolgt wurden und man bestimmte Gebiete der DDR nicht betreten durfte. Dies empfand ich als eine absolute Frechheit und Einschränkung unserer Freiheit.“ Die SED-Regierung realisierte die instabile Lage der DDR zwar, verharrte jedoch auf ihrem Kurs und gab sich reformunwillig.

Mit der Bekanntgabe des neuen Reisegesetztes am 9. November 1989 verselbstständigte sich der Zusammenbruch der DDR und es kam zum Fall der Mauer. Zahlreiche Menschen strömten auf den Platz vor dem Brandenburger Tor und brachten die Mauer eigens zu Fall. „ Als die Mauer fiel war ich 35 Jahre alt“, erinnert sich Uwe R., „Es war ein Tag der Freude und Erleichterung. Endlich fiel die Mauer, welche Jahre lang unsere Freiheit eingeschränkt hatte. Erst nach späterer Zeit überschritt ich einen ehemaligen Grenzpunkt. Es war ein tolles Gefühl endlich den Westen Deutschlands besuchen zu können.“
Auch für Martina W. hat sich der Tag des Mauerfalls tief in ihr Gedächtnis eingebrannt. „Ich stand morgens in dem kleinen Bad meiner Wiesbadener Wohnung“, entsinnt sie sich, „und habe fast zufällig die Nachricht im Radio aufgeschnappt: „Die Mauer ist gefallen.“ Erst konnte ich es gar nicht glauben und hielt es für einen geschmacklosen Scherz.“ Doch auch auf der Arbeit sprachen ihre KollegInnen über die Öffnung der Mauer, „sodass ich nach Feierabend direkt die Nachrichten im Fernsehen einschaltete und zu begreifen begann. Vor Rührung und Freude liefen mir Tränen die Wange herunter. Endlich war dieses Symbol des Schreckens und der Unfreiheit der Menschen heruntergerissen worden“, schwärmt Martina W.

Die deutsche Einigung kam sehr überraschend und wurde von den Alliierten durchaus kritisch beäugt, da die Teilung als stabilisierendes Element in der internationalen Ordnung angesehen wurde. Es fehlten Konzepte für eine erfolgreiche Wiedervereinigung und Protestrufe, wie „Wir sind ein Volk“ und „Deutschland einig Vaterland“ wurden immer lauter. Doch eine erfolgreiche Wiedervereinigung gestaltete sich schwierig, da es neben schwerwiegenden Wirtschaftsproblemen auch zu einer mentalen Vereinigungskrise kam.
Es trafen entgegengesetzte Interessen und unterschiedliche Erfahrungswelten aufeinander. „Ich war überwältigt von den großen Supermärkten und der Auswahl dort. Es gab Bananen, Nektarinen und etliches mehr. Auch Baumärkte waren eine große Entdeckung für mich.“, schildert Uwe R. seine erste Begegnung mit westdeutscher Kultur und Lebensart.
Viele ostdeutsche Bürger sprachen von einer „Kolonialisierung“ der DDR und bezeichneten den Umbau der politischen, juristischen und gesellschaftlichen Institutionen als einen „Elitentransfer“ aus dem Westen. Es machte sich ein Gefühl der Fremdbestimmung breit, sodass es zur Entwicklung einer DDR-Identität kam. Deutschland wurde damals als „ein Staat, zwei Gesellschaften“ charakterisiert. „Im Urlaub konnte ich oftmals ostdeutsche Touristen beobachten, wie sie sich auf das Buffet stürzten und die Teller voll luden, als gäbe es kein Morgen mehr“, lacht Martina W.

„Die kommt von drüben“, ruft meine Oma in den Radiosong einer deutschen Künstlerin rein. Solche und andere Äußerungen zeigen, dass die Trennung des deutschen Volkes noch nicht ganz überwunden wurde – vor allem bei den zeitgenössischen Generationen, wie unseren Großeltern und Eltern. Noch heute, nach 25 Jahren deutsche Einheit, herrschen vereinzelte Stereotypen von „Ossis“ und „Wessis“ vor. Hier bestätigt sich die Metapher des Schriftstellers Peter Schneider, der von einer „Mauer in den Köpfen“ sprach.

Trotz alledem können wir heute die Mauerstücke der East Side Gallery als historischen Beweis für ein Verbrechen an der nationalen Einheit sowie an den Menschen- und Bürgerrechten betrachten und uns über ein geeintes Deutschland freuen und viel wichtiger: alles in unser Macht stehende tun, um diese Einheit zu wahren.

 

 

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