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Die Wiedervereinigung – eine wirkliche Erfolgsgeschichte

von Paula Marie Versonke, 17 Jahre

Die Wiedervereinigung – eine wirkliche Erfolgsgeschichte?
(Reportage von Maybritt Weiner (14) und Paula Versonke (17))

 

Die Fotoreportage könnt ihr nachfolgend lesen oder auch dem Link entnehmen:

Die Wiedervereinigung eine wirkliche Erfolgsgeschichte_Paula Versonke

 

Deutschlands Osten verliert an Attraktivität
Trotz der 25 Jahre, die Deutschland sich wieder EIN Land nennen darf, herrschen noch gewaltige
Unterschiede zwischen einem Bundesbürger, der in den „Neuen Bundesländern“ lebt, und einem, der in
der „alten BRD“ beheimatet ist.
Noch heute ist die Arbeitslosenquote im Osten höher als die im Westen (Osten: 10,9%; Westen: 5,9% im
Dezember 2013 ). Auch die Rentner im Westen haben ein angenehmeres Leben. 1 Ost–Rentner erhalten
laut Statistik durchschnittlich 97 Euro weniger als ihre West–Kollegen, auch wenn sie gleich lange in die
Rentenkasse eingezahlt haben2. Außerdem liegt das verfügbare Einkommen für Bürger der neuen
Bundesländer jährlich 3000 Euro tiefer als das von Bürgern, die im Westen wohnen und arbeiten3. Zudem
leben mehr Ostdeutsche in Mietwohnungen (54%) als die westlichen Bundesbürger(42%)4. 310.000
Menschen leben in Ostdeutschland (ohne Berlin) mit einem ausländischen Pass (Gesamtdeutschland: 7
Millionen5) .
Diese sozialen und wirtschaftlichen Differenzen lassen die Bevölkerung im Osten zurück gehen, während
die Bevölkerung im westlichen Teil des Landes seit 1991 stark gestiegen ist. Dabei ist es kein Wunder,
dass die neuen Bundesländer an Attraktivität verlieren. Wer will schon im Osten wohnen, wenn er im
Westen doppelt so luxuriös leben kann?
Auch die Politiker scheinen mittlerweile gemerkt zu haben, dass Deutschland noch kein „vereinigtes“
Land ist. Zu viele Unterschiede trennen die Menschen, die im Osten leben, von denjenigen, die im
Westen wohnen. Deshalb wagt die Landesregierung von Mecklenburg – Vorpommern einen Schritt Richtung „Gleichstellung von Ost und West“: Ab dem 14.09.2014 sollen auch Lehrer in Mecklenburg – Vorpommern verbeamtet werden. Bisher waren Lehrer im Osten „nur“ Angestellte. Doch mit der Zeit wollte kaum ein Lehrer noch im Osten unterrichten. Mit Glück gelingt es, durch die Reform den Beruf des Lehrers im Osten wieder attraktiver zu gestalten. Eventuell könnte das dazu führen, dass auch weitere Reformen für eine „Gleichstellung von Ost und West“ sorgen. Nur so kann Deutschland endlich wieder EIN Land werden, in dem Chancengleichheit für ALLE Bürger zählt.

1 Quelle: Agentur für Arbeit
2 Quelle: BMAS
3 Quelle: Bundeswirtschaftsministerium
4 Quelle: AWA
5 Quelle: Destatis

Rückbau und Geisterstädte
Nach der Wende wurden viele Stadtviertel komplett
abgerissen und gesprengt. Das lag nicht daran, dass
man die Wohnungen nicht benötigte. Vielmehr stiegen
nach der Wiedervereinigung die Preise so stark an,
dass kaum jemand eine Wohnung bezahlen konnte.
Es gab viel zu viel Wohnraum dort, wo keine
Arbeitsplätze vorhanden waren. Heute stehen deshalb
ganze Stadtviertel der ehemaligen DDR leer. Teilweise
wurden die Siedlungen auch gesprengt und dem
Erdboden gleich gemacht. Aus diesem Grund findet
man im Osten heute auch „Geisterstädte“ vor. „Man
kommt sich vor wie im falschen Film!“, denkt Marco
Graba, wenn er durch seine ehemalige Heimat geht.

Wiedervereinigung – Fluch oder Segen?
1989 ist ein Schicksalsjahr in der Geschichte Deutschlands. Ein Land, das nach dem Zweiten Weltkriegentzweit wurde, wird wieder vereint. Familien werden zusammen geführt, alte Kontakte wieder neu aufgenommen. Die “Wiedervereinigung” war ein Glücksmoment in der bisher eher dunklen Geschichte der DDR.
Doch gleichzeitig bedeutete die “Wiedervereinigung” auch die Zerstörung eines Staatssystems. Natürlich
endete auf diese Weise auch die Bespitzelung durch die Staatssicherheit (Stasi). DDR–Bürger, die sich
mit dem westlichen System nicht auskannten, wurden betrogen und mussten den egoistischen Kapitalismus am eigenen Leibe erfahren. Menschen waren auf einmal arbeitslos. Selbstverständlich wurden mit der Wiedervereinigung nicht alle Träume erfüllt, es gab wirtschaftliche Probleme und sicherlich war für viele DDR–Bürger der Untergang ihrer geliebten Heimat ein schwerer Verlust. Doch kann man die Wiedervereinigung verteufeln, nur weil sie auch Probleme mit sich gebracht hat?
Schließlich hat es in der DDR auch zuvor Probleme gegeben. Nicht nur die Überwachung durch die Stasi
und der übergroße Druck waren für viele Menschen schwer zu ertragen. Auch die Einschränkung der
Meinungs- und Reisefreiheit hinderte die Bevölkerung, ihre Lebensträume zu verwirklichen. Viele DDR–Bürger wollte raus in die Welt. Dies erklärt auch, weshalb sich die DDR–Bevölkerung nach der Wende so sehr zerstreut hat. Marco Graba ist in der DDR aufgewachsen und erzählt: „Meine Freunde sind Tänzer in Paris, Erdbeerpflücker in Griechenland, Versicherungsvertreter in Aachen und Architekten in Norwegen geworden!“ Nur Dank der Wiedervereinigung hatten diese jungen Menschen überhaupt die Möglichkeit, so zu leben, wie sie es sich wünschen. Außerdem hat die Mauer Familien gegen ihren Willen zertrennt.
Auch Helen Warnat konnte aufgrund der innerdeutschen Grenze ihre Verwandtschaft im Westen nicht
sehen. „Nach dem Mauerfall sind wir sofort nach Hamburg zu meinem Onkel gefahren“, erinnert sich die
heutige Lehrerin begeistert. Nur durch die Wiedervereinigung sind all diese Erlebnisse möglich geworden.
Zwar hat es wirtschaftliche Probleme beim Wiederaufbau gegeben, doch diese sind mittlerweile
weitestgehend bewältigt. Dass es heute noch Menschen gibt, die die Wiedervereinigung als negativ
verstehen, ist unbegreiflich. Es kann in keinem Fall negativ sein, wenn sich ein Volk entscheidet, in einer Demokratie zu leben und eine Diktatur abzuschaffen. Seit der Wiedervereinigung geht es zum größten Teil auch der ehemaligen DDR – Bevölkerung besser, da die Unterdrückung ein Ende genommen hat.
Das zeigt doch, dass die Wiedervereinigung trotz kleiner, anfänglicher Probleme den Menschen die
Rettung vor einer korrupten Diktatur gebracht hat!

Andererseits wurden mit der Wiedervereinigung nicht nur viele Träume erfüllt, sondern auch viele
zerstört. Nach der Wende stiegen die Arbeitslosenzahlen in der ehemaligen DDR um ein Vielfaches gegenüber den alten Bundesländern. Dafür gab es mehrere Gründe. Zum einen hatte dies mit dem
großen Sanierungsstau in den Betrieben der ehemaligen DDR zu tun. Käufer der Betriebe wurden
dadurch abgeschreckt, dass selbst in den modernsten Betrieben der DDR die Technik noch lange nicht
auf dem neuesten Stand war. Außerdem war in DDR Zeiten eine Überbeschäftigung vorhanden. Die Zahl
der beschäftigten Arbeitskräfte in den neuen Bundesländern sank wegen Privatisierungen, Ausgründungen und betriebsbedingten Kündigungen von 4,1 Millionen Mitte 1990 auf 1,24 Millionen am 1. April 1992. Das größte Problem war aber die Umrechnung der DDR-Mark in DM. Dabei passierte eine Aufwertung der Währung um 400%. Hätte man den korrekten Währungskurs benutzt, wäre der Wohlstand der DDR-Bürger gesunken und dies wäre für die politische Lage kontraproduktiv gewesen. Die DDR Unternehmen wurden durch d i e s e Aufwertung unprofitabel und es wurden viele Arbeitsplätze überflüssig. Außerdem fanden viele Unternehmen keine Käufer und die Unternehmen wurden mit einer gewissen Zufälligkeit verteilt. Es gab kaum Käufer aus der DDR. Zudem unterschätzte die Bundesregierung die wirtschaftliche Bindung an den Ostblock. Abschließend kann man sagen, dass die Treuhand keine effizient arbeitende Privatisierungsagentur war. Man muss aber auch berücksichtigen, dass im Zeitraum 1980-1987 weltweit nicht einmal 1000 Privatisierungsmaßnahmen von Staatseigentum durchgeführt wurde, die Treuhand musste mehrere 1000 Unternehmen in sehr kurzer Zeit privatisieren. Es sind viele Fälle von Fördermittelmissbrauch und Wirtschaftskriminalität bekannt, vor allem aus der Anfangszeit der Treuhand. Der ehemaligen Volkswirtschaft der DDR entstanden 3 bis 10 Milliarden DM Schaden. Außerdem wurde sich in mehreren Fällen fälschlicherweise am Westen orientiert. Produkte aus dem Osten waren nichts mehr wert. Bücher wurden nicht mehr gekauft, weil sie aus ostdeutschen Verlagen stammten. Es war ein viel zu großes Streben nach dem Westen vorhanden. Helen Warnat erzählte zum Beispiel, dass sich jede Woche die Schulbänke lichteten. Sehr viele Familien zogen in den Westen. Das ist heute immer noch so. Die
Binnenmigration von Ostdeutschland nach Westdeutschland ist sehr groß. Man kann an der Statistik erkennen, dass vor allem in den Jahren nach der Wende sehr viele Menschen nach Westdeutschland zogen. Die Zahl der Leute, die nach Ostdeutschland zogen, ist seit 1992 nahezu konstant, während die Fortzüge um 2001 einen kleinen Aufschwung erlitten. Dadurch, dass die Zahl der
Fortzüge größer ist als die Zahl der Zuzüge, schrumpft die Bevölkerungszahl der neuen Bundesländer
stetig. Unternehmen finden keine Arbeitskräfte mehr und die Dörfer vereinsamen.
Außer in den Ballungsräumen der großen Städte (Berlin, Potsdam, Dresden, Erfurt) wird für den Großteil der neuen Bundesländer bis 2020 eine starke Abnahme der Bevölkerung prognostiziert. Heutzutage wollen viele ostdeutsche Bürger die DDR zurück, sei es aus Nostalgie oder sei es, weil alles heute schöngeredet wird. Laut Marco Graba hat man nie eine Wiedervereinigung mit der BRD erreichen wollen, man wollte eine bessere DDR, einen zweiten deutschen, demokratischen Staat. Heute weiß man, dass dieses Ziel idealistisch war und nie geklappt hätte. Bei der Eingliederung in die BRD wurde alles aus der DDR schlecht geredet. Die Verfassung der DDR wurde an das Grundgesetz der BRD angeglichen. Man hätte eine komplett neue Verfassung machen müssen, da laut Grundgesetz (Artikel 146) ein komplett neuer Staat hätte entstehen müssen. Das Grundgesetz sollte eigentlich nur vorübergehend gelten, bis Deutschland wieder ein Land wird und der Staat eine Verfassung erhält.

Die Wiedervereinigung wird von vielen ehemaligen DDR-Bürgern wahrscheinlich als schlecht angesehen,
weil eine Zeit der Orientierungslosigkeit folgte. „Man wusste damals schon in der Schule, dass man einen Ausbildungsplatz bekommen wird”, so Helen Warnat.

Als Elfjährige erlebt sie die Wendezeit aus der Sicht einer systemtreuen DDR–Schülerin. Sie ist die
Tochter eines Geheimniswahrers (Frau Warnat konnte uns nicht mehr über den beruflichen Status ihres Vaters in der DDR erzählen, da er mit ihr nicht darüber reden möchte.)und einer Staatsbürgerkundelehrerin. Mittlerweile ist sie
Gymnasiallehrerin für Latein und Altgriechisch. Warnats Eltern waren systemtreue Bürger und
dementsprechend haben sie auch ihre Tochter nach dem “sozialistischem Ideal” erzogen. Heute hält Warnat es für richtig, dass sich ihre Eltern einen Platz im System gesucht haben. Zwar ist für die heutige Flensburger Lehrerin klar, dass es in der DDR Fehler gegeben habe. Doch auch in der heutigen Politik würde es Fehler geben, findet Warnat.

In einem Interview berichtet Helen Warnat, weshalb die Wiedervereinigung ein Potential gewesen sei, das jedoch nicht ausreichend genutzt wurde:

Reporter: „Was vermissen Sie aus der DDR?”
Warnat: „Ich vermisse die Gemeinschaft und die Ehrlichkeit. Ich finde unsere Gesellschaft heute zu egoistisch. Die Gesellschaft in der DDR war hilfsbereiter und eingeschworener. Da niemand Jeans
hatte, ging, wenn es irgendwo welche gab, ein Anruf rum…”
Reporter: „Was dachten Sie als Kind über den Westen?”
Warnat: „Ich dachte immer, dass dort alles bunt ist. Wir hatten in der DDR einen Westladen, der hieß “Intershop”. Dort konnte man Westprodukte kaufen, wenn man im Besitz von Westmark war. Westmark bekam man von Freunden und Verwandten aus dem Westen. Wegen der beruflichen Stellung meines Vaters durften wir keinen Kontakt in den Westen haben.”
Reporter: „Sie sind ja systemtreu aufgewachsen. Wie standen Sie den Fluchtwellen gegenüber?”
Warnat: „Auf einmal sind immer mehr Leute verschwunden. In der Schule fehlten immer mehr
Klassenkameraden. Ich habe das nie verstanden. Mir ging es in der DDR gut. Die DDR hatte zwar Fehler,
aber mir ging es gut.”
Reporter: „Aber Fehler hat die Bundesrepublik auch.”
Warnat: „Natürlich. Mir hat die DDR auch gut gefallen. Vor allem in der Bildungspolitik war die DDR ein Vorreiter. Die Klassen waren kleiner und es war eine eingeschworene Gemeinschaft. Das war ein
einschneidendes Erlebnis: Diese Gemeinschaft wurde nach der Wende zerrissen, weil wir nach “gut” und
“schlecht” aufgeteilt wurde.
Das, was die Lehrer und nach der Wende erzählt haben, war irritierend: Im Westen darf man nicht ehrlich sein. Man muss sich im kapitalistischem System verstellen und das A und O ist, dass man sich verstellt, ohne seine Schwächen zu zeigen.”
Reporter: „Das ist irgendwie nicht das, was man erwartet, was einem erzählt wird.”
Warnat: „Was erwartet man denn?”
Reporter: „Dass der Westen offen ist – so wie es hier im Unterricht gelehrt wird.”
Warnat: „Dass der Westen offen ist, hat man nicht erzählt. Uns hat die Wende nur Unsicherheit gebracht.
In der DDR war einem eine Ausbildung garantiert. Im Westen hatte man die Freiheit, zu entscheiden, was
man lernen will. Doch die Freiheit hat auch eine Unsicherheit gebracht.”
Reporter: „Wie lange gab es diese Unsicherheit noch?”
Warnat: „Mein Vater war erst mal arbeitslos. Nach ein paar Jahren hat er in einer Zeitarbeitsfirma eine
Anstellung gefunden. Die Unsicherheit war vielleicht zu Ende, als die „ Treuhand” aufgelöst wurde.
Reporter: Wie haben Sie die Wiedervereinigung aufgenommen?”
Warnat: „Ich habe es nicht gerafft, dass es mein Land nicht mehr gibt. Dazu war ich noch zu jung.”
Reporter: „Was halten Sie heute von der Wiedervereinigung?”
Warnat: „Einerseits ist es gut, das die Familien zusammengeführt wurden. Doch auf der anderen Seite
finde ich es schade, dass nur die Fehler der DDR gesehen werden. Es gab Fehler. Aber es gab auch
gute Dinge wie die Gemeinschaft. Man hat aber nichts aus der DDR übernommen. Das halte ich heute
von der Wiedervereinigung: Schade, es war ein Potential da, das aber nicht genutzt wurde!”
Reporter: „Sind die Freundschaften und die Hilfsbereitschaft nach der Wende zurückgefallen?”
Warnat: „Ja, es ist gegenseitiger Neid aufgetreten. In der DDR gehörte alles allen. Die Gesellschaft
wurde nicht mehr zusammen gehalten. Deshalb hat sie sich aufgelöst.”
Reporter: „Danke für das Gespräch!”
Warnat: „Gerne doch.”

Hoffnung auf eine „moderne DDR“
Schon 1981 versammelten sich DDR–Bürger im Rahmen einer Friedensbewegung regelmäßig, um gegen politische Unterdrückung zu protestieren. Diese Bürgerrechtler fordern mehr Demokratie und einen
humanistischen Staat ohne Stasi und Reiseeinschränkungen. Doch kaum einer der Demonstranten habe sich nach einem Anschluss der DDR an die Bundesrepublik gesehnt, berichtet der Historiker und Zeitzeuge Marco Graba.

Der ehemalige Soldat an der innerdeutschen Grenze hat die DDR geliebt – aus Dummheit und Naivität, wie ihm 25 Jahre später klar ist. Doch aus diesem Grund meldete sich der heutige Gymnasiallehrer (Deutsch, Geschichte) auch freiwillig für einen Wehrdienst von drei – anstatt den verpflichtenden anderthalb – Jahren. Innerhalb seiner Familie stieß diese Entscheidung jedoch auf Kritik , insbesondere als Graba seiner Tante erklärte, er ginge aus Patriotismus zur Armee. Dennoch stand der junge Soldat seinem Vaterland auch kritisch gegenüber. „Je älter ich wurde, desto klarer wurde mir, dassdas, was ich von der DDR immer gedacht habe, nicht die Wahrheit ist!“, berichtet der Flensburger Lehrer.
Auch seine Erfahrungen bei der Armee prägten das Denken Grabas über die SED–Politik. Schon
während seiner Ausbildung zum Grenzsoldaten führte er einen Befehl nicht aus. „Ich werde nicht
schießen!“, erklärte der junge Soldat. Anschließend wurde er strafversetzt – nach Rügen. Dort
verweigerte der Unteroffizier sich komplett: Graba entschloss sich, seinen Wehrdienst nicht mehr zu
vollenden. Deshalb durchwühlte er Paragraphen und fand schließlich die Rettung: Er schaffte es, ins
Militärkrankenhaus zu kommen, das jedoch einem Gefängnis glich. Nach sieben Wochen, in denen er
das Krankenhaus nicht verlassen durfte, trat der junge Soldat seinen Erholungsurlaub an. In der Nacht
vom 9. auf den 10. November reiste Graba mit dem Zug nach Erfurt, um seine Freundin zu besuchen.
Vom Mauerfall wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nichts. In Erfurt angekommen, wunderte er sich über
die leeren Geschäfte und die leere Straßenbahn. Als er seine Freundin wiedersah, empfing diese ihn mit
folgenden Worten: „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für dich. Die gute: Die Grenze ist auf! Die schlechte: Ich fahre morgen zu meinem Freund nach München!“
Marco Graba selbst ist lange Zeit nicht in den Westen gefahren. Für ihn gab es keinen Grund. Der
Westen gleiche dem Osten viel zu stark, fand er. Da habe dem jungen Mann der Anreiz gefehlt. “Wenn
schon wegfahren, dann nach Kopenhagen. Das ist viel interessanter!”, findet Graba. Nach dem Westen
gesehnt hat er sich nie. Aber auch im Osten fühlte er sich unwohl. Die Menschen im Westen seien ihm
fremd gewesen, die Menschen im Osten habe er verachtet, weil sie der alten DDR nachgetrauert habe.
Dabei hat auch Graba selbst der DDR nachgetrauert, erkennt er viele Jahre später.
Für ihn sei die Wende zwar nicht so kompliziert gewesen wie für die ältere Generation, denkt Graba.
Doch auch er war irritiert, weil sich alles verändert hat. Alles, was er während seiner Schulzeit gelernt hatte, war plötzlich falsch. In seinem Studium musste er Geschichte ganz neu lernen. „Selbst die Antike wurde in der DDR anders unterrichtet!”, meint der jetzige Lehrer. Natürlich hat die Wende auch ihm neue Freiheiten gebracht, jedoch konnte Graba mit dieser Freiheit nicht umgehen. Stattdessen musste er mitansehen, wie alles im Osten radikal verändert wurde. Das Dorf, in dem er aufgewachsen ist, wurde nach der Wende aufgekauft. „Heute steht auf der Wiese, auf der ich
als Kind gespielt habe, ein Luxus – Hotel…”, berichtet er. Auch seinen Freundeskreis hat er verloren. Er hat den Kontakt zu allen abgebrochen, weil er sich mit keinem seiner Jugendfreunde identifizieren kann. Zwar hat er einige nach der Wende wieder getroffen, doch sie waren ihm fremd. Für Marco Graba ist auch der Zusammenhalt, den es in der DDR gegeben hat, ein Verlust, obwohl er weiß, dass das nur eine Illusion war.
„Alles in allem hatte ich Glück, was die Wiedervereinigung angeht!”, erzählt Graba. “Ich kann mich auch absolut nicht zum Freiheitskämpfer ernennen. Meine Geschichte ist insofern auch nichts besonderes, weil es sie tausendfach gegeben hat – aber für mich ist sie besonders.”

Im folgendem Interview berichtet Marco Graba, warum die Wiedervereinigung eigentlich gar nicht
das Ziel der Bürgerrechtler war:

Reporter: „Waren Sie bei den Montagsdemonstrationen dabei?”
Graba: „Nein. Am Anfang konnte ich nicht, weil ich im Militärkrankenhaus war. Als ich hätte dabei sein
können, waren die wesentlichen Dinge schon geklärt. Da waren die Leute, die von einem anderem Sozialismus geträumt haben, gar nicht mehr auf der Straße.”
Reporter: „Was meinen Sie mit “anderem Sozialismus?”
Graba: „Niemand aus der Bürgerrechtsbewegung träumte von der Wiedervereinigung. Niemand wollte die Wiedervereinigung. Alle, die schon in der frühen libertären Phase auf der Straße gekämpft haben,
wollten einfach nur eine andere DDR – eine menschliche und humanistische DDR. In diesem Punkt
waren sich die Bürgerrechtler mit dem Staat einig: Sie wollten immer eine Alternative zur Bundesrepublik.
Als ich aus dem Militärkrankenhaus raus kam, waren nur noch die Leute auf der Straße, die nach der DMark
geschrien haben. Da war eigentlich klar, dass der Wandel sein Gesicht verloren hatte.
Das ist auch der Grund, warum so viele Leute nach der Wiedervereinigung verbittert waren, weil die
Zukunft, die dann gekommen ist, nicht die Zukunft war, die sie sich erträumt hatten. Deshalb habe auch
ich die Wiedervereinigung lange Zeit gehasst.”
Reporter: „Haben Sie die Wiedervereinigung kommen gesehen?”
Graba: „Eine eventuelle Wiedervereinigung habe ich immer nur als Angstszenario begriffen. Heute als
Historiker ist mir klar, dass es viel Anzeichen dafür gab. Aber damals habe ich geglaubt, dass es möglich ist, einen zweiten deutschen demokratischen Staat aufzubauen. Für mich war eine Wiedervereinigung
immer undenkbar und unnötig.”
Reporter: „Wie haben Sie die Zeit kurz nach der Wende empfunden?”
Graba: „Es war ein schrecklicher kultureller Zusammenbruch. Alle Bücher aus dem Osten wurden
zerstört, indem man mit Autos über sie fuhr. Schon alleine die Tatsache, dass ein Buch im Osten gedruckt
worden war, war ein Grund, es nicht mehr anzufassen. Man kaufte alles, was aus dem Westen kam, und
verachtete alles, was aus dem Osten kam.”
Reporter: „Würden Sie heute lieber noch einmal in der DDR leben?”
Graba: „Mit dem jetzigen Wissen – nein, weil das sehr tragisch geendet wäre. Ich war auf dem Weg,
mich innerlich von der DDR zu verabschieden. Mein Problem war nur, dass Deutschland nicht das Land
war, das ich mir erträumt hatte. Deshalb habe ich mich lange fremd gefühlt.”
Reporter: „Fühlen Sie sich heute noch fremd?”
Graba: „Nur manchmal, besonders wenn ich mit meinen Freunden zusammen sitze und merke, dass wir ganz andere Lebenserfahrungen haben. Oder ich fühle mich fremd, wenn ich sehe, wie zufrieden manche Leute hier sind. Ich bin mit einem Grundgefühl der Unzufriedenheit aufgewachsen. So wie es ist,
ist es scheiße! Es kann nicht schlimmer werden!”
Reporter: „Was haben Sie aus der Zeit bis 1989 gelernt?”
Graba: „Ich habe gelernt, dass sich die Erde immer wandelt. Diese Änderungen muss man annehmen,
weil man sonst nicht glücklich wird. Deshalb ist das, was in der Ukraine im Moment passiert, für mich
emotional auch kein Problem. Die Geschichte ändert sich ständig. Wer diese Wandel nicht begreift,
begreift die Geschichte nicht. Auch die Bundesrepublik wird sich ändern. Schon in 10 Jahren wird man sie nicht mehr wiedererkennen.”
Reporter: „Hatten Sie während Ihres Geschichtsstudiums Probleme damit, die Dinge zu glauben, die Ihnen über die DDR erzählt wurden?”
Graba: „Ja. Für mich war das, was in den Büchern stand, bundesrepublikanische Propaganda, weil es
das Gegenteil von dem war, was ich erlebt habe. Mittlerweile weiß ich aber, dass das, was ich gelesen
habe, meistens stimmte. Trotzdem bin ich mit dem Bild, das über die DDR gezeichnet wird, unzufrieden,
weil die DDR auf die Stasi reduziert wird und alles anderen Aspekte verloren gehen.”
Reporter: „Danke für Ihre Offenheit, Herr Graba!”
Graba: „Keine Ursache.”

Reaktionen aus dem Ausland
Um die Wiedervereinigung zu vollstrecken, mussten noch die Alliierten zustimmen. Ohne die USA, Russland, Frankreich und Großbritannien wäre eine Zusammenführung der beiden deutschen Staaten
unmöglich gewesen. Eine Wiedervereinigung sollte nicht nur das Ende des Kalten Krieges zur Folge
haben. Gleichzeitig sollte ein neuer, großer Staat in Europa entstehen. Um die Wiedervereinigung sicher
durchzuführen, traf sich Helmut Kohl mit Gorbatschow in Russland. Die einzige Bedingung, die Gorbatschow stellte, war, dass die NATO nicht die sowjetischen Truppen auf dem ehemaligen DDR-Gebiet angreift. Schließlich stand der Wiedervereinigung auch aus der Sicht der Alliierten nichts im Wege. Endgültig geklärt wurde die Wiedervereinigung durch den Zwei-Plus-Vier-Vertrag. Am 12. September 1990 wurde er in Moskau unterzeichnet. Schließlich trat er am 15. März 1991 in Kraft. Im Vertrag sollte die Herstellung der vollen Souveränität Deutschlands gesichert werden. Das bedeutete, dass die Alliierten bei deutschen Angelegenheiten kein Mitspracherecht mehr hatten. Zuvor durften sie insbesondere bei militärischen Streitigkeiten eingreifen und handeln. Doch durch den Vertrag wurde festgelegt, dass die Bundesrepublik endlich wieder ein souveräner, ganzer Staat sein durfte!

Fazit
Während des Prozesses der Wiedervereinigung sind viele Fehler passiert, deren Auswirkungen man heute noch spüren kann. Nach unseren Nachforschungen und den Interviews sind wir zu der Auffassung gekommen, dass die DDR auch gute Seiten hatte. Man muss sich fragen, ob die Kritik am Kapitalismus auch teilweise berechtigt ist. Auch ohne den Konsum des Westens waren die Menschen glücklich. Sie haben aus ihrer Situation das Beste gemacht.
Als Schülerinnen aus Schleswig-Holstein, die noch nie wirklich in Ostdeutschland waren und deren
Familien nur indirekt etwas mit der DDR zu tun hatten, beispielsweise durch Verwandte im Osten, ist man auf das Wissen aus den Geschichtsbüchern angewiesen. Fernsehdokumentationen und Zeitungsberichte vermitteln unserer Meinung nach oft ein nicht ganz korrektes Bild der DDR.
Ganz nebenbei haben viele Deutsche vergessen, wie schön man in der DDR leben konnte – „genau so
schön wie im Westen“ lautet Helen Warnats Überzeugung.
Die Wiedervereinigung war im Großen und Ganzen eine Erfolgsgeschichte, jedoch für den einzelnen
Bürger bedeutete sie eine ungewisse Zukunft und viele Veränderungen, die die persönliche Situation der einzelnen Menschen nicht so besserten wie erhofft. Die Schattenseiten der Wiedervereinigung werden im Geschichtsunterricht nicht ausreichend behandelt.

(Quellenangabe: Link zu der Statistik über „Zu- und Fortzüge sowie Nettomigration nach Ostdeutschland 1986-2006:

http://www.blz.bayern.de/blz/eup/04_08/images/large/tab1.png)

 

 

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