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Beschleunigte die Treuhandanstalt den Aufstieg und Niedergang von Traditionsunternehmen?

von Lea Linnemann, 15 Jahre

Die Fotoreportage könnt ihr nachfolgend lesen oder auch dem Link entnehmen:

Beschleunigte die Treuhandanstalt…_von Lea Linnemann

 

Als 1989 die Mauer in Berlin fiel, ahnte keiner – vor allem in den Betrieben – was für Veränderungen auf sie zukommen würden.
Die DDR praktizierte über 40 Jahre hinweg eine staatliche Planwirtschaft. Betriebe waren verstaatlicht worden, landwirtschaftliche Betriebe wurden vergemeinschaftet und zu LPGs (Landwirtschaftliche-Produktions-Genossenschaft) zusammengeschlossen. Industrie- und Handwerksbetriebe wurden zu VEBs (Volkseigene Betrieb) umgewandelt. Der Ministerrat bestimmte darüber, wie viele Weihnachtsbäume verkauft wurden; er bestimmte auch, wieviel Toilettenpapier verbraucht werden durfte. Modernisierungen, die dem Weststandard entsprachen, konnten nur mit großen Schwierigkeiten durchgeführt werden. Die Planwirtschaft der DDR geriet zunehmend unter Wettbewerbsdruck gegenüber der freien Marktwirtschaft.
Ende 1989 verfügte die DDR über mehrere tausend Betriebe, die gegenüber westlichen Unternehmen und Konzernen nicht konkurrenzfähig waren.
Im Zuge der Wiedervereinigung mussten die staatlichen Betriebe der ehemaligen DDR privatisiert werden, da die Bundesrepublik Deutschland sich nur im Ausnahmefall als Unternehmer betätigen darf.
Aus diesem Grund verabschiedete am 22. Juni 1990 die zum ersten Mal frei gewählte Volkskammer der DDR das Gesetz zur Privatisierung und Reorganisation des volkseigenen Vermögens (Treuhandgesetz).Das Gesetz hatte die Absicht, die unternehmerische Tätigkeit des Staates durch Privatisierungen so rasch und so weit wie möglich zurückzuführen, und die Wettbewerbsfähigkeit möglichst vieler Unternehmen herzustellen und somit Arbeitsplätze zu sichern und neue zu schaffen. Mit der Privatisierung dieser Staatseigenen Betriebe wurde die Treuhandanstalt betraut.
In vielen Werbepausen des Privatfernsehens ist seit Anfang der neunziger Jahre eine Radeberger Bierflasche vor der berühmten Dresdner Semperoper zu sehen. Nicht wenige Touristen stehen deshalb vor der Semperoper und fragen sich deshalb, wo denn jetzt die Brauerei sei. Diese Bierinterressierten werden dann oft darauf hingewiesen, dass die Brauerei in Radeberg steht.
Radeberg ist eine Kleinstadt am Rande von Dresden, die nicht nur aus der berühmten Exportbierbrauerei besteht. Dennoch ist die Brauerei mit etwa 250 konstanten Mitarbeitern ein wichtiger Arbeitgeber in der Region.
Seit der Gründung 1872 ist die Brauerei, die seitdem ununterbrochen Radeberger Pilsner braut,eine Erfolgsgeschichte. Otto von Bismarck war ein Liebhaber dieses ursächsischen Bieres.
Auf internationalen und nationalen Fachausstellungen gewann die Brauerei zahlreiche Preise. Schon 1903 exportierte die Brauerei erstmals in die USA und Kanada.
Selbst zu DDR Zeiten schaffte es die Brauerei auf einem konstant hohen Niveau zu exportieren.
Für viele Bürger der DDR gehörte dieses Bier zur sogenannten Bückware, da sich der Verkäufer buchstäblich unter den Ladentisch bücken musste, um das Bier dann unter dem Tresen heimlich zu verkaufen.
Da das Unternehmen 1989 Staatseigentum war, unterfiel es dem Treuhandgesetz und musste privatisiert werden. Die Radeberger Exportbrauerei wurde 1990 von der damaligen Binding-Gruppe in Frankfurt/Main erworben. Die Gruppe gehört zur Dr. August Oetker KG. Der Gruppe gehören unter anderem Bionade und Jever Bier an.
Aufgrund des Erfolges des Radeberger Exportbieres wurde die Binding Gruppe im Juli 2002 in „Radeberger-Gruppe“ umbenannt. Mit der Wende 1990 verfünffachte sich der Absatz von Radeberger Pilsner. Selbst im Niederbayerischen Örtchen Hauzenberg ist im Getränkemarkt Radeberger Pilsner zu finden. Das will in Bayern was heißen.
Die Wende war für die Radeberger Brauerei und für Radeberg ein Glücksfall. Der Erwerber der Radeberger Brauerei hatte das betriebliche und wirtschaftliche Wissen, das Geld und die Kontakte, um eine marode Brauerei zu einer der modernsten Brauereien in
Deutschland umzuwandeln. Alte Gebäude und Einrichtungen wurden soweit wie möglich erhalten und gegebenenfalls modernisiert.
Inzwischen kann man das Radeberger Pilsner, das nur noch Radeberger genannt wird, auch in hochklassigen Hotels wie dem Hilton, Kempinski und Steigenberger und anderen finden. Auch auf dem Meer braucht man auf ein süffiges Bierchen aus Radeberg nicht verzichten. Die AIDA-Urlaubsschiffe schenken Radeberger Pilsner seit mehr als zehn Jahren an Bord aus.
Viele Radeberger bevorzugen aber ihr Bier im Unternehmenseigenen Brauereiausschank: „Kaiserhof“ zu genießen. Der Kaiserhof macht seinem Namen mit dem Festsaal alle Ehre.
Die Privatisierung der Radeberger Brauerei durch die Treuhandanstalt kann als geglücktes Beispiel einer Überführung eines staatlichen DDR-Unternehmens in ein privates Unternehmen bezeichnet werden. Sowohl ein neuer Eigentümer als auch die Mitarbeiter, die noch aus DDR Zeiten stammten, haben es mit ihrem großen Einsatz und Können ermöglicht, überall auf der Welt täglich das Radeberger Pilsner zu genießen.
Eine Straße weiter ist ein Beispiel missglückter Privatisierung zu besichtigen. Eschebach-Küchen waren Markenküchen zu Zeiten des Kaiserreiches.
1867 gründete Carl Eschebach eine Klempnerwerkstadt in der Pirnaschen Vorstadt in Dresden. Bereits nach 5 Jahren begann er mit der Herstellung von Küchenmöbeln und Haushaltsgeräten. Die Firma war so erfolgreich, dass sie sich stetig vergrößerte.
1886 kam ein weiteres Werk in Radeberg dazu. Das Werk in Dresden und das Werk in Radeberg wurden kurze Zeit später zur „Vereinigte Eschebach´sche Werke AG“ zusammengeschlossen. Es beschäftigte zum damaligen Zeitpunkt ca. 800 Mitarbeiter und vertrieb seine Erzeugnisse je zur Hälfte in Deutschland und im Rest der Welt. Die Firma war so erfolgreich, dass sie teilweise auf über 2000 Mitarbeiter für die Produktion von Küchen- und Schlafzimmermöbeln zurückgreifen konnte. Internationale Auszeichnungen folgten. Ein Zeichen dieses wachsenden Wohlstandes ist der Bau der Eschebach Villa an einer der markantesten Plätze in Dresden.
Mit dem Ende des ersten Weltkrieges hörte die Erfolgsserie der Eschebach-Werke auf. Die Firma verkleinerte sich stetig. 1931 verlegte das Unternehmen schließlich seinen Sitz nach Radeberg.
Als 1945 Deutschland zusammenbrach, brach auch die Produktion zusammen. Infolge der politischen Änderung kam es später zu einer Eingliederung der Eschebachschen Werke in das VEB (Volkseigener Betrieb) Möbelkombinat Hellerau.
1990 kam es zur Abspaltung der Eschebachschen Werke von dem Möbelkombinat Hellerau. Das Unternehmen wurde privatisiert und in eine GmbH umgewandelt. Im Gegensatz zur Privatisierung der „Deutsche Werkstätten Hellerau GmbH“ missglückte die Privatisierung des Radeberger Unternehmens. Bereits 1991 ging das Unternehmen in die Insolvenz.
Genauso wie die „Radeberger Exportbierbrauerei“ unterfiel das Eschebachsche Werk den Regelungen des Treuhandgesetzes. Das Unternehmen wurde in eine GmbH umgewandelt.
Die Treuhandanstalt war per Gesetz dazu verpflichtet Unternehmen zu privatisieren und wenn möglich wirtschaftlich zu erhalten. Nicht in allen Fällen waren die Bemühungen der Treuhandanstalt von Erfolg gekrönt. So auch in diesem Fall: Nach kurzer Fortsetzung der Produktion nach 1990 musste das Unternehmen bereits 1991 Insolvenz anmelden. Ob die Fortsetzung der Produktion aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll war, lässt sich im Nachhinein nicht mehr klären.
Die Insolvenz war es auf alle Fälle. Ansonsten hätten sich die Geschäftsführer der Gesellschaft wegen Konkursverschleppung strafbar gemacht.
Der Zeitraum zwischen 1991 und 2003 ist trotz intensiver Nachforschungen nicht näher mit Fakten zu belegen. Auf Nachfragen bei der Stadt Radeberg erhielten wir die Auskunft, offiziell keine Unterlagen mehr über die Eschebachschen Werke zu haben.
2003 wurde die insolvente Eschebachschen Küchenmöbelwerke von der Firma „Domino Küchen Service GmbH“ übernommen. 2004 erfolgte die endgültige Schließung.
2007 begann der weitere Niedergang der ehemaligen Eschebachschen Werke. Das Gelände einschließlich der darauf stehenden Gebäude wurde an einen Privatinvestor versteigert.
Verschiedene Nutzungskonzepte wurden vom neuen Eigentümer erstellt, aber ließen sich nicht umsetzen zum Beispiel: Eine Außenstelle der Uni Dresden mit dem Fachbereich Ernährungswissenschaften.
Aber der Freistaat und die Stadt Radeberg sahen bisher keine Möglichkeit der Umsetzung der Konzepte.
Das Areal verkam zunehmend. Es kam zu mehreren Bränden, die die ehemals stolzen Gebäude zerstörten. Mittlerweile ist das Hauptgebäude nur noch ein Schatten seiner selbst und einsturzgefährdet. Es ist leider zu befürchten, dass es zu weiteren Brandstiftungen kommen wird.
2013 beschloss die Stadt, dass bei erneutem Verkauf des Geländes die Stadt ein Vorkaufsrecht ausüben werde. Das Gelände soll städtebaulich neu geordnet werden. Der Bereich hat den Namen „Eschebach-Gewerbehof“. So bleibt zumindest von diesem bedeutenden Industriebetrieb der Kaiserzeit der Name des Gründers für ein Gewerbegebiet erhalten.
Eine Straße mit dem Namen Carl-Eschebach- Straße gibt es bereits. An dieser Straße liegen sowohl ein geglücktes als auch ein missglücktes Beispiel für die Industriepolitik nach der friedlichen Revolution `89: Die Radeberger Exportbierbrauerei und die ehemaligen Eschebachschen Werke.

 

 

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