1.6.5. Archiv Bundesstiftung Aufarbeitung, Fotobestand Uwe Gerig, Bild 2181

Vom realsozialistischen Mangel zum gehobenen Lebensstandard?

Im Ostdeutschland von gestern war eine Verbesserung der persönlichen Lebensumstände nur bedingt möglich. Die sogenannte Mangelwirtschaft führte vor allem im Bereich der Genussmittel zu Lebensmittelengpässen. Daher schickten Westdeutsche ihren Angehörigen und Bekannten verschiedenste Güter, von Delikatessen bis hin zu größeren Gegenständen. Diese Geschenke konnten über den eigens dafür eingerichteten Genex Katalog bestellt werden. Eine individuelle Lebensgestaltung war in der DDR nur mit Einschränkungen möglich, denn an vielen Stellen traf sie auf die Grenzen staatlicher Bevormundung im Namen des „sozialistischen Kollektivs“ – auf ein Auto wartete man Jahre, moderne Unterhaltungselektronik war kaum zu bekommen. Man musste mit knapp bemessenem Wohnraum auskommen, der gerade im Altbaustand häufig in einem sehr schlechten Zustand war. Verreisen durfte man nur innerhalb der DDR und im sozialistischen Ausland, wobei die Ferienplanung zunächst von Ferienkommissionen abgesegnet werden musste. Auch war die Altersarmut unter Rentnern anders als im Westen enorm hoch und erlaubte älteren Menschen nur ein bescheidenes Leben. Die Mangelwirtschaft mit ihren vielen schwer erhältlichen Produkten und fehlenden Dienstleistungen führte auf der anderen Seite dazu, dass gegenseitige Hilfe in der Familie, zwischen Freunden, Nachbarn oder Bekannten häufig praktiziert wurde.

Mit der Wende und dem plötzlichen Systemwechsel änderten sich auch die Lebensbedingungen jedes Einzelnen. Neue Produktpaletten sowie der Ausbau des Wohnungsmarktes und der Infrastruktur boten bislang ungeahnte Möglichkeiten. Der Traum vom Eigenheim im Grünen war mit dem Einzug der westlichen Konsumgesellschaft plötzlich in greifbare Nähe gerückt. Die Lebenswelten individualisierten sich zunehmend und der Lebensstandard konnte gesteigert werden. Individuelle Reisen wurden für jeden möglich. Heute sind Schlangen vor Geschäften Ausdruck von Konsumverhalten und nicht von realem Mangel. Entsprechend der finanziellen Möglichkeiten kann jeder Mensch seine Bedürfnisse ganz individuell befriedigen. Waren einige DDR-Erzeugnisse direkt nach der Wende aus den Warenregalen verschwunden, sind sie mittlerweile wieder auf den gesamtdeutschen Markt zurückgekehrt. Andere Produkte wie die berühmten Spreewald-Gurken konnten sofort nach der Wiedervereinigung in ganz Deutschland gefunden werden und sind heute aus dem Leben vieler nicht mehr wegzudenken. Seit 1991 haben sich die Lebensverhältnisse in Ostdeutschland zunehmend an die in Westdeutschland angeglichen. Einige Wissenschaftler sehen in dieser zügigen Entwicklung gar eine „Wohlstandsexplosion“.

Mögliche Fragen für die Recherche:

  • Frag deine Eltern, Verwandten, Nachbarn nach Fotos von ihren Reisen und Wohnverhältnissen in den letzten 25 Jahren.
  • Wie haben sich die Lebensverhältnisse in deiner Familie (inkl. Großeltern) seit 1989 entwickelt?


 Bild: Archiv Bundesstiftung Aufarbeitung, Fotobestand Uwe Gerig