1.6.3_Bundesbildarchiv (B 145 Bild-00164102)_Fassbender, Julia

Vom gescheiterten Sozialismus zum erfolgreichen gesamtdeutschen Sozialstaat?

Vor 1989 gab es in den gesellschaftlichen Strukturen der Bundesrepublik und der DDR deutliche Abweichungen, da beispielsweise der Reichtum innerhalb der Bevölkerung sehr unterschiedlich verteilt war. In der DDR war die Schere zwischen arm und reich zwar kleiner. Das machte die DDR aber nicht zur gerechteren Gesellschaft, da sozialer Aufstieg mit der Befürwortung des politischen Systems einhergehen musste. Wer seine Meinung frei äußerte, wurde ausgegrenzt und verbaute sich seine Zukunft: man wurde beispielsweise nicht zum Abitur zugelassen oder durfte nicht studieren. Die Gesellschaft der DDR zeichnete sich durch eine mit der Zeit zunehmende soziale Undurchlässigkeit aus. In der Bundesrepublik hingegen war es möglich, sich durch Bildung und Leistung einen besseren sozialen Status zu erarbeiten.

Mit der Wiedervereinigung vollzog sich ein sehr plötzlicher Systemwechsel. Die Wirtschaft der DDR brach beinahe zusammen, denn der Konkurrenzdruck in der über Nacht eingeführten Marktwirtschaft mit Gewinn- und Wettbewerbsorientierung war groß und kostete viele Arbeitsplätze im Osten Deutschlands. Gerade die vielen großen Industriebetriebe erwiesen sich als nicht konkurrenzfähig. Es kam zur massiven Abwanderung gut ausgebildeter junger Menschen, vor allem Frauen, womit sich die Probleme im Osten des Landes weiter verstärkten. Erst in den letzten Jahren (2011/2012) ziehen wieder mehr Menschen in den Osten Deutschlands als ihn gleichzeitig verlassen. Deshalb wird Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung wirtschaftlich und sozial verstärkt gefördert, indem z.B. für viele arbeitslose Menschen zwischenzeitlich vom Staat bezuschusste Arbeitsplätze geschaffen wurden (sog. Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, ABM-Stellen). Mit dem Einigungsvertrag wurden auch die Renten der Ostdeutschen erheblich erhöht, auch wenn sie bis heute noch nicht vollkommen das Westniveau erreicht haben.

Der Aufbau Ost mit seiner sehr umfassenden Wirtschaftsförderung, Verbesserung der Infrastrukturen und Sanierung von Wohnungen konnte erst wesentlich später als zu Beginn der 1990er Jahre erwartet einen sich selbst tragenden Wirtschaftaufschwung schaffen. Verständlicherweise fühlten sich viele ehemalige DDR-Bürger anfangs im neuen System unwohl. Viele empfanden sich als „Bürger 2.Klasse“, was nicht nur mit dem nach wie vor vorhandenen Lohngefälle zu tun hatte, sondern auch mit dem Empfinden in Verbindung stand, dass ihre bisherige Lebensleistung zu wenig gewürdigt wurde. Die hohen Sozialausgaben und Transferleistungen, die im Zusammenhang mit dem Aufbau Ost entstanden sind und weiterhin entstehen, halten nicht alle Bundesländer für gerechtfertigt. Da es auch in Westdeutschland strukturschwache Gebiete mit sozialen Schieflagen gibt, stellen sie genaue Nachfragen zur Verwendung der Geldmittel. Insgesamt gesehen hat sich die Einbeziehung von 16 Millionen Menschen in die Sozialstrukturen der Bundesrepublik als sehr erfolgreich erwiesen: es ist keine neue dauerhafte Armut für größere Bevölkerungsgruppen entstanden. Vielmehr sind im Vergleich zu der Zeit vor 1989 alle gut sozial abgesichert.

Vorschläge für eure Recherche:

  • Wie haben deine Eltern, Großeltern, Nachbarn diese Zeit erlebt?
  • Wie empfanden sie den großen Systemumbruch in der alltäglichen Arbeitswelt?

Bild: Bundesbildstelle